Alpenverein Burghausen

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Jungmannschaft - Pinzgauer Wurm

Der wohl längste Wurm Mitteleuropas...

Pinzgawurm, 45 SL, 7+ (6+A0)

Herbst 2014, mein Kletterpartner kommt grade vom Nachwuchscamp Alpinklettern heim... „Du Thomas, da hat wer ein Buch mit richtig langen Klettertouren in den Nordalpen dabeighabt. Da gibts a Tour am Birnhorn, mit über 2000 Klettermeter“. „Wia schwer?“ erwiedere ich. „Drei Längen im oberen siebten Grad, der Rest leichter. Wenn ma schnell ist...“, kommt von meinem optimistischen Kletterpartner zurück. Als ich daraufhin nur den Kopf schüttelte, hab ich noch nicht geahnt, dass mir mein Kletterpartner einen Wurm in Kopf gesetzt hat. Ein Wurm, der mich einfach nimmer loslässt...

Kurz darauf hab ich mir das besagte „Longlines-Buch“ von Adi Stocker auch gekauft, und mich über die Tour genauer Informiert... Bis Ende Juni Schnee in der Wand, danach oft zu warm, weil Südwand... Und lang sollt der Tag auch noch sein, wenn man die Tour bei Tageslicht durchsteigen will. Immer wieder bin ich das Topo vorm Bettgehen durchgegangen, hab die leichten Seillängen markiert, da kann man schnell klettern. Trotzdem hats fast zwei Jahre gedauert, bis wir uns an einem Dienstagabend Ende September in der Kletterhalle getroffen haben. Für den nächsten Tag ist stabiles, aber kühles Wetter prognostiziert. Das ist unsere Chance. Am selbigen Tag gehts mit dem Auto noch nach Leogang, zum Ausgangspunkt unserer Tour. Nach kurzen Rucksackoptimieren (reichen 2 Liter, oder doch lieber 3?) und einem Schlafbeschleunigungstrunk gabs 4 1/2 Stunden Schlaf.

Am nächsten Morgen, 3:45Uhr, es klingelt der Wecker... Eine Viertelstunde und ein paar Stücke Kuchen später gings auch schon los, zur Einstiegssuche. Eine Stunde Zustieg, zum tiefsten Punkt der Südwand, Standplatz an zwei Bohrhaken. So stehts im Topo. Ausnahmsweise passte die Zeitangabe diesmal tatsächlich, um kurz nach 5 leuchteten uns zwei Metallhaken im Hirnbirnenlicht entgegen. Bis Tagesanbruch war nun unser Plan, so viele der leichten Einstiegslängen wie möglich zu machen...

 

6:20Uhr, in SL 8: Zum Glück dämmerts schon, als wir den ersten schwierigeren Teil angehen. 5, 5+, 6-, danach zweimal ein 6er. Schon stehen wir auf einem Pfeiler, der den Hochbrettgraben, ein ganzjähriges Eisfeld, umgeht.

10:00Uhr, SL 22: Vom Pfeiler weg hat mein Seilpartner ein gutes Tempo vorgelegt, ohne Pause sind wir teils am laufenden Seil, teils sichernd, eine schöne Länge nach der anderen geklettert. Die Antwort meines Körpers auf diesen Sprint: Eine trockene Gurgel und ein knurrender Magen. Dem wird mit Coca-Cola und einer Nutellasemmel entgegengewirkt. Dabei können wir uns gemütlich auf einem Grasband sitzend die Nebelschwaden, genannt: „Pinzgawürmer“, im Tal ansehen. Unten Grau, bei uns Sonnenschein – wir haben alles richtig gemacht!

10:30Uhr, immer noch SL22: Laut Topo kommt jetzt das „Notwendige Übel“, brüchiger Fels und viele Querungen... Juhuu!!!

12:00Uhr, SL 29: Jetzt gehts ans Eingemachte, drei Stellen 7+, dazwischen ein 6er nach dem anderen. Wunderbarer, wasserzerfressener Fels, der kompakte Gipfelaufbau türmt sich schier unüberwindbar vor uns auf. Die folgenden 15 SL bilden das „Herzstück der Route“

16:30Uhr, SL 43: Die Finger sind geschunden, die Unterarme leer... „Jetz wirds dann Zeit dass gor is“ Mein Kletterpartner gibt mir Zustimmung: „Zwoa Längen noch, und mir hamms gschafft“

17:00Uhr, am Gipfelkreuz: nach guten 11 Stunden in den Kletterschuhen endlich die Erlösung. Ein wunderbares Abenteuer neigt sich dem Ende... Und das Beste: Wir haben noch Müslieriegel, Knoppers und noch nen Liter zum trinken. Genuss Pur! Mittlerweile haben sich die Nebelschwaden verzogen und 2000m tiefer sieht man Leogang. Jetzt heißts nochmal 1 ½ Studen volle Konzentration im Abstieg zur Passauer Hütte, welche wir über das Melkerloch um 19:00Uhr erreichen. „Habts es noch an Pinzgawurm gmacht?“, kommt von der Hüttenwirtin, was sie wohl an unserem fertigen Aussehen erkennen muss... Ihre Kaspressknödelsuppe stärkt uns für die weiteren 800Hm Abstieg im Dunkeln.

20:30Uhr, am Parkplatz: „Soll die erste Hälfte ich fahren?“ Dieses Angebot nehme ich dankend an, und mit dem tollen Gefühl, ein langjähriges Ziel erreicht zu haben, gings Richtung Bett.

Dank & Respekt an Adi Stocker, für diesen wunderbaren Weg durch die wohl unbekannteste Riesenwand in unserer Gegend!

Bericht von Thomas März,

mit Zitaten von seinem treuen Seilpartner, Mathes Petri