Alpenverein Burghausen

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Lebensraum Salzach–Flusssanierung mit oder ohne Kraftwerke

Der Obere Lech, der Tagliamento und die Untere Salzach – sie sind die drei letzten längeren Fließgewässerabschnitte ohne Kraftwerke oder Stauhaltungen am Rand der Alpen.

Im Zuge der Sanierung der unteren Salzach könnte diese bald nicht mehr dem Trio angehören: Die Sanierungsvariante mit Kraftwerken zwischen Oberndorf/Laufen und Burghausen wird von bayrischer Seite favorisiert.[1]

Die „Aktionsgemeinschaft Lebensraum Salzach –ALS“[2] wirbt dagegen für eine natürliche Sanierung ohne Querbauten für Turbinen und wird dabei von anerkannten bayerischen bzw. österreichischen Umweltschutzverbänden sowie der Stadt Burghausen unterstützt. Diese sogenannte „Naturflussvariante C “ der Umweltanwaltschaft Oberöstereich stellt auch aus unserer Sicht die ökologisch beste Sanierungsvariante dar.

Unterstützen auch Sie die Aktion freifließende Salzach ohne Kraftwerke!

 

Die nächste Informationsveranstaltung „Naturerlebensraum Salzach“ mit Erstem Bürgermeister Herrn Steindl als Schirmherren findet am 2.7.2017 statt (Ort und genaue Zeit sind der Presse zu entnehmen).

Hintergründe

Historisches

Die Salzach war früher ein dynamisches Gewässer mit weitverzweigtem Flußbett und stark schwankenden Wasserständen. Beiderseits seines Hauptbettes befanden sich Nebenarme und regelmäßig überschwemmte Auen. Zur genauen Festlegung der österreichischen Landesgrenze, der Erweiterung landwirtschaftlicher Flächen und dem Hochwasserschutz begannen ab dem Jahr 1820 die Arbeiten zur Regulierung Salzach des Flusses, die bis ca. 1930 andauerten. Die Flussbreiten wurden reduziert, die Ufer verbaut und die Flussläufe begradigt.

Gefährliche Folgen

Aus der Salzach wurde so ein gestrecktes, schnelles Gerinne, bei dem durch Stützkraftstufen, Talsperren und Kiesentnahme das natürliche Geschiebeangebot stark verringert wurde. Das Geschiebe ist aber nun Grundlage einer stabilen Flusssohle, denn unter dem Kies befinden sich feine, stark erosionsempfindliche Seetone postglazialer Seen. Wenn der harte Kies über lange Zeiträume durch die Strömungskraft des Flusses abgeschwemmt wird, kommt es zu einer schlagartigen Eintiefung der Salzachsohle, dem Sohledurchschlag . Dabei gräbt sich der Fluss schnell tief ein und spült große Mengen feinkörniges Sohlematerial ab. Folge davon sind wackelnde Brücken, abrutschende Ufer und Straßen, bröselnde Fundamente und mehr. Die geänderte Flussmorphologie gefährdet so Leben und Besitz in den besiedelten Bereiche sowie ökologisch wertvolle Flussauen und natürlich auch den Grundwasserstand.

Sanierung und Renaturierung

Die Salzachrenaturierung im Tittmoninger Becken soll dieses Ereignis abwenden. Für die hierzu notwendigen Maßnahmen werden die Länder Bayern, Salzburg und Oberöstereich mehr als 200 Millionen Euro ausgeben müssen, so die Planung des Wasserwirtschaftsamtes in Traunstein von 2006[3].

Die unterschiedlichen Sanierungsmöglichkeiten wurden in einer „wasserwirtschaftlichen Rahmenuntersuchung“ bewertet und von bayerischer Seite zwei Vorzugsvarianten[4] festgelegt:

Die Vorzugsvariante A – Aufweitungsvariante– stabilisiert die Sohle durch eine wechselseitige Verbreiterung des Flussbetts von derzeit rund 100 m auf 180 bis 200 m, ergänzt durch den Bau von vier flach geneigten Rampen mit Höhen von 1,5 Metern sowie Umgehungsgerinnen mit einer Gesamtlänge von ca. zehn Kilometern. Die Aufweitung des Flussbetts erfolgt dabei weitgehend eigendynamisch durch den Fluss selbst.

Variante A erreicht zwar im Vergleich kaum Bestwerte, erfüllt aber alle Ziele auf hohem Niveau.

Die Vorzugsvariante E1 – mit energetischer Nutzung mit Turbinen – ist charakterisiert durch eine bogenförmige Linienführung bei gleichzeitiger Aufweitung des Flussbetts von derzeit rund 100m auf 140m und ist damit vergleichbar der hier nicht beschriebenen Variante B. Die Verbreiterung des Bettes erfolgt auch hier eigendynamisch durch den Fluss selbst. Zur Sohlstabilisierung sind drei Fließgewässerkraftwerke mit Fallhöhen von rund 3,3 Metern und einer zusätzlichen Sohlrampe mit einer Höhe von 1,3 Metern mit Umgehungsgerinnen vorgesehen. Die Turbinen werden jährlich ca. 100GWh Strom erzeugen. Außerdem entsteht ein Nebengewässersystem mit einer Gesamtlänge von ca. 18 Kilometern. Die abflussabhängig gesteuerten „Fließgewässerkraftwerke“ kombinieren Energieerzeugung mit Hochwasserabfuhr sowie Fisch- und Bootspassierbarkeit.

Diese bewirken jedoch auch einen langen Rückstau des Flusses von insgesamt mehr als 10 km Länge, was eine Verschlechterung der Fließgewässerökologie bedeuten würde. Die notwendigen massiven Bauwerke und Wirtschaftsstraßen beeinträchtigen das Landschaftsbild erheblich. Auch die Verbindung von Fluss und Aue wird abschnittsweise eingeschränkt.

Als weitere Variante hat die Oberöstereichische Umweltanwaltschaft eine Naturflussvariante erarbeitet, die völlig auf Querbauwerke verzichtet und schwerpunktmäßig auf Flächen öffentlicher Körperschaften beschränkt ist:

„Naturfluss Variante C, auch als „Verzweigungsvariante“ bezeichnet, setzt zur Sohlstabilisierung auf eine Aufweitung analog zu Variante A, allerdings beidseitig, sowie zusätzlich auf eine Abfolge von acht breiten Seitenarmen mit einer Gesamtlänge von acht Kilometern und mit einem Durchflussanteil von 30 bis 40 Prozent des Salzachabflusses. Die angestrebte Flussbettbreite von 160 bis 210 Meter wird etwa zur Hälfte maschinell hergestellt, die restliche Aufweitung erfolgt eigendynamisch. Neun sogenannte „Stützbereiche“, in denen die Flusssohle durch Grobkieszugabe in ihrer Höhenlage stabilisiert wird, sowie zwei Rampenbauwerke am Beginn und Ende des Tittmoninger Beckens komplettieren die Maßnahmen.

Variante C kommt beinahe ohne Querbauwerke aus, sorgt für eine durchgehende beidseitige Aufweitung, ist ökologisch sehr hochwertig und sofort wirksam nach der Umsetzung. Damit erfüllt sie die Ziele der (Gewässer-)Ökologie, des Landschaftsbildes und der Natura-2000-Verträglichkeit in einem hohen Maß.[5]

Fazit

Die ökologische Sanierung der Salzach nach der Naturflussvariante C ist die einzige Variante, bei der kurz nach Umsetzen der hydromorphologischen Maßnahmen ein guter ökologischer Zustand, wie in der EG-WRRL (Wasserrahmenrichtlinie 2000/60/EG) und der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“[6] gefordert, erreicht wird.

Die energetische Nutzung der Salzach würde zwar nachhaltig Strom erzeugen, erfordert jedoch den Kraftwerksbau in Natura 2000-Schutzgebiet, der höchsten Schutzgebietsklasse Europas.

Es ist deshalb eine sorgfältige Abwägung zwischen der ökologischen Bedeutung der Salzach und den Zielen der Energiewende, zu denen das Flusskraftwerk Salzach ohnehin nur sehr wenig beitragen kann (siehe Diagramm 1), notwendig.

Die DAV-Sektion Burghausen tritt für die ökologische Sanierung der Salzach ohne Kraftwerke (Variante C) zur Erhaltung eines naturnahen und artenreichen Lebensraumes ein und lehnt Kraftwerksvarianten ab.

Wieso kann der Neubau von Wasserkraftwerken an der Salzach nur wenig zum Gelingen der Energiewende beitragen?

Bis zum Jahr 2050 sollen die Anteile regenerativ gewonnener Energie am Brutto-Stromverbrauch auf 80% steigen. Dieses Ziel ist im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgeschrieben und bezweckt vorrangig den Schutz von Klima und Umwelt (§1, Abs.1 EEG).

In der Leitstudie 2010 im Auftrag des BMU werden mögliche Pfade beschrieben, wie dieses Ziel erreicht werden kann.

Aus untenstehender Grafik ist erkennbar, dass die größten Faktoren zum Gelingen der Energiewende im Ausbau der Windenergie und der Photovoltaik liegen.

Das Ausbaupotential der Wasserkraft wird als gering angesehen, da deren Ressourcen schon sehr lange genutzt werden. Das technische Verbesserungspotential bestehender Altanlagen liegt jedoch bei 3,1 TWh[7].

 

 


[1] Beschluss des Bayerischen Ministerrates vom April 2016

[2] http://www.freie-salzach.de/

[3] Süddeutsche Zeitung Nr.93 vom 22/23.April 2006; SZ-Serie (4): An der Salzach bei Laufen

[4] Vergleiche: Wasserwirtschaftsamt Traunstein; Presseinformation vom 28.4.2016; online am 31.10.2016;

http://www.wwa-ts.bayern.de/service/presse/doc/2016_04_28_pm%20salzachsanierung.pdf

[5] Vergleiche: Zusammenfassender Bericht „Sanierung untere Salzach, Variantenuntersuchung“; online am 31.10.2016;

http://www.wwa-ts.bayern.de/hochwasser/hochwasserschutzprojekte/salzach/variantenuntersuchung/index.htm

[6] Vergleiche: Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt, Bundesamt für Naturschutz; Seite 35; online; https://www.bfn.de/0304_biodivstrategie-nationale.html

[7] Vergleiche: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.).(2010). Potentialermittlung für den Ausbau der Wasserkraftnutzung in Deutschland als Grundlage für die Entwicklung einer geeigneten Ausbaustrategie Schlussbericht.